NUR FÜR DAS PROTOKOLL
Die Geburtsstunde der FPMR (Manuel Rodriguez Patriotische Front) ist im Jahr 1983. Die Gruppe steht im engen Kontakt zur kommunistischen Partei Chiles. Ihr Ziel wird es sein bedeutsame Vertreter des Pinochet Regimes zu attackieren.
Als sich 1986 die chilenische Linke organisiert und eine Einheit mit der MDP bildet, erlässt die Regierung kurz darauf den „Plan für innere Sicherheit“ (Seguridad del Interior), auf dessen Grundlage der Geheimdienst prominente linke Aktivisten, identifizieren, überwachen und Ort und Zeitpunkt ihrer subversiven Aktionen ermitteln soll.
Laut Menschenrechtsorganisationen ereignen sich bis zu diesem Jahr, seit die Verfassung 1981 von Pinochet geändert wurde, ein Drittel aller Menschenrechtsverletzungen und Fälle von Folter in Chile.
Nach massiven Protesten beobachtet die FPMR ein wachsendes Klima der allgemeinen Unzufriedenheit der Bevölkerung und man erkennt Pinochet als das “Hindernis“ in der Widergewinnung der Demokratie.
1984 entwirft die Spitze der FPMR zum ersten Mal ein Plan zur Tötung des General Pinochets. Die tatsächliche Planung der „Operation 20. Jahrhundert“ startet Anfang 1986 in Kuba. Geleitet von Köpfen der chilenischen FPMR und der MIR (Movimiento Izquierda Revolución – Bewegung der linken Revolution), insbesondere vom bewaffneten Flügel der chilenischen Linken und mit Hilfe des kubanischen Geheimdienstes und Teilen des zentralen Komitees der kommunistischen Partei, welche die Operation finanziert.
Ihr militärisch hierarchischer Führungstil ist in fünf Ebenen gegliedert: Freunde, Helfer, Kämpfer, Anführer und Befehlshaber. José Valenzula, 28 Jahre, chilenischer Staatsbürger, kehrt heimlich aus seinem Exil in er DDR nach Chile zurück. Er erhält die Aufgabe die Operation unter seinem Decknamen Commander Ernesto zu leiten (und wird anstelle des offiziellen Spitzenmitglieds Raúl Pellegríns gewählt, dessen Überleben als „absolut notwendig“ angesichts des politischen Machvakuums nach einem Tod des Diktators gilt.) Valenzula, Sohn eines Diplomaten, ist gut ausgebildet, hat Marx und Lenin studiert,er absolvierte militärisches Training in Bulgarien und auf der Seite der „Contras“ in Nicaragua. Zurück in Chile stellt er sich als professioneller Kriegsführer heraus, indem er erfolgreich ein 10-Tage Programm für paramilitärische Rekruten einführt.
Der ursprüngliche Plan des Komplotts war den Konvoi des Präsidenten in die Luft zu sprengen, indem man einen unterirdischen Tunnel unter der Straße von Pinochets Haus anlegen würde, in welchem man eine Bombe einen so genannten „Krater“ platzieren wollte. Dieser Plan wird aber angesichts der hohen Geschwindigkeit des Konvois, womit eine Chance das „Zielobjekt“ zu treffen sinkt, mitte Juli 1986 aufgegeben. Deshalb plant man nun einen Frontalangriff auf den Konvoi.
Cesár Bunster, 28 Jahre alt, Sohn des ehemaligen Botschafters unter Allende zwischen 1970 und 1973 gestattet die Regierung nach dreizehn Exil nach Chile zurückzukehren. Die FPMR beauftragt ihn mit der Logistik der Operation. Begleitet wird er von Cecilia Magni, 29 Jahre alt, alias Commander Tamara. Die beiden tarnen sich als junges reiches Liebespaar und mieten ein Haus in „La Obra“, einem Ort in Nähe von Pinochets Anwesen, außerdem einige Autos welche für die Operation benötigt werden.
Vasily Carillo, alias Commander Matias, kehrt ebenfalls, allerdings heimlich, aus seinem Exil in DDR nach Chile zurück. Er wird beauftragt Waffen aus Kuba, versteckt in Fahrgestellen und Motorölkanistern aus einem geheimen Lager der Nordküste nach Santiago zu übernehemen.
Am 4. und 5. September 1986 findet eine Serie von ernstzunehmenden Arbeiter und Studentenversammlungen, kleine spontanen Streiks, und bewaffneten Konfrontationen mit nationalen Sicherheitbeamten in größeren Städten des ganzen Land statt.
Nachdem Pinochet persönlich die Unterdrückung dieser Aktionen anordnet, zieht er sich in sein Anwesen „El Melocotón“ im Maipotal in den Bergen in der Nähe von Santiago zurück. Dort hält er sich fast das gesamte folgende Wochenende auf, bis er schließlich am Sonntag in sein Haus in Santiago zurückkehren will.
FPMR bewaffnet 15 Männer und zehn Frauen mit M-16 Gewehren, 9mm Automatik Pistolen, LOW Raketen und fast 30 sowjetischen Handgranaten.
Die ausgewählten Kämpfer werden gefragt, ob sie an einer „risikoreichen Operation die den Verlauf er Geschichte ändern würde“ teilnehmen wollen, ohne sie dabai aufzuklären, was das Ziel der Attacke sei. Erst eine Woche vor dem Angriff werden sie über die Details unterrichtet. Einige Teilnehmer bekommen erst in dieser Woche Instruktionen über die Handhabung der Waffen.
Die Kämpfer sollen in dunklen Trainingsanzügen oder Buisnessoutfits gekleidet sein, damit sie den Vertretern des Regimes ähneln. Ihre Fingerkuppen werden von Klebstoff umhüllt, so dass sie keine Fingerabdrücke hinterlassen und dabei trotzdem nicht die Feinmotorik verlieren.
Ende August werden die die FPMR Einheiten mit der dem angemieteten Grundstück, dem Hauptquartier in „La Obra“ und der Umgebung vertraut gemacht, um die wichtigsten Merkmale für die geplante Aktion kennenzulernen. Trotz der diskreten Arbeitsweise der FPMR wundern sich Nachbarn über die verdächtig wirkenden Vorgänge. Wegen der vielen Autos und der Besuche von vorwiegend jungen Männern kommt man zu der Annahme es handele sich entweder um Homosexuelle oder Terroristen.
Der Tag des Angriffs soll der erste September sein, dieser Termin wird jedoch verschobee wegen des überraschenden Todes vom Ex-Präsidenten Jorge Alessandri in Santiago, welches den peniblen Zeitplan von Pinochet umwirft. So muss FPMR die angemieteten Autos zurückbringen und für ein anderes Wochenende neu reservieren. Außerdem müssen die Kämpfer eine neue Unterkunft innerhalb der Zone der geplanten Attacke finden. Diesmal geben sie sich Studenten des „Schönstett Ordens“ aus.
Da den Teilnehmern bewusst ist, dass sie die Attacke mit hoher Wahrscheinlichkeit („zu 99%“) nicht überleben werden, fühlt einer der Kämpfer sich nicht imstande die Operation anzutreten, ohne seine geliebte Freundin vorher noch einmal zu sehen. So belügt er den Rest der Gruppe und fährt unter einem Vorwand, zu dem verabredeten Treffen mit ihr, in die Nachbarstadt San José de Maipo. Auf dem Rückweg fährt er aus Zeitdruck mit hoher Geschwindigkeit und die Polizei stoppt ihn weil er seinen Sicherheitsgurt nicht angelegt hat. Die Beamten behalten seinen Führerschein ein.
Eine Woche darauf werden im Hauptquartier in „La Obra“ die letzten Vorbereitungen für den Angriff auf den Konvoi getroffen. Danach vollführen die Mitglieder die Beteiligten eine Zeremonie die von ihrer Hymne begleitet wird.
Als Schatten einer lebenden Erinnerung Kehrt Manuel Rodriguez zurück für den frontalen Angriff Gegen den selben ewigen Tyrannen Kommt er um den unvermeidbaren Krieg zu entzünden In seinen Händen trägt er das vernichtende Feuer Er erscheint und verschwindet mit seinen unsichtbaren Kämpfern Um die Geburt einer neuen Generation einzuläuten
Manuel Rodriguez Erdoriza, geboren in Santiago 1785, verstorben 1818, Anwalt und Held des Unabhängigkeitskrieges gegen die Spanier, berühmt für sein mitreißendes Temperament und seine innovativen Guerillia Strategien.
Weiter lauschen die Kämpfer einer Aufnahme von Salvador Allendes letzter Rede, welche am 11. September 1973 von dem Präsidentenpalast „La Moneda“ gesendet wurde, bevor Allende, wie behauptet wird, sich selbst mit einer Kalaschnikow, welche ihm Fiedel Castro gegeben hatte, in den Kopf schießt.
„Arbeiter meines Vaterlandes. Ich glaube an Chile und an sein Schicksal. Die Menschen werden diesen bitteren und grauen Moment überwinden, wenn der Betrug offenbart und sich selbst entlarvt. Wir wissen das die großen Straßen früher oder später wieder offen sein werden. Und der freie Mensch wird auf ihnen entlang gehen, auf den Bauten ein besseren Gesellschaft. Lang lebe Chile! Lang leben die Menschen! Lang leben die Arbeiter!Dies sind meine letzten Worte. Ich bin sicher sie werden nicht vergebens sein. Ich bin sicher, dies ist ein Appell an die Moral, der die Verbrechen und Feigheit bestrafen wird.
An der Spitze Pinochts Konvois befinden sich zwei bewaffnete Polizeibeamte auf Motorrädern und ein Chevrolet Opala mit ebenfalls vier bewaffneten Beamten. Darauf folgt der kugelsicherer Mercedes 500 SEL des Präsidenten (Pinochet fährt zusammen mit seinem neuen Jahre alten Enkel und einem Marine Geleitschutzoffizier). Dann folgen ein Ford LTD mit vier bewaffneten Soldaten in Zivilkleidung (Sicherheitswagen1), ein Ersatz Mercedes, identisch mit dem ersten mit zwei bewaffneten Soldaten und Pinochets Hausarzt, welcher auf der Rückbank sitzt, außerdem ein zweiter Ford LTD mit vier bewaffneten Militärs in Camouflage Uniformen (Sicherheitswagen2).
Im Versteck an einem Hang warten 25 Mitglieder FPMR, aufgeteilt in vier Einheiten um den Konvoi anzugreifen.
Die erste Einheit „Streit und Kollision“ soll den Konvoi mit einem Wagen, einem Peugot, einem Mietwagen der zu einem kugelsicheren Wohnwagen umgebaut wurde, indem man Marmor Tischplatten zwischen die Sitze und Türen legte, aufhalten und die beide Motorräder und das erste Auto elemenieren.
Eiheit 2 und 3 „Angriff“. Ihre Mission ist es, das zweite dritte und vierte Auto zu zerstören, welche möglicherweise auch Pinochets Wagen beinhaltete. (Seine Position innernhalb des Konvois wechselte regelmäßig, da man mit Anschlägen rechnete.) Diese Einheiten fahren einen Nissan Blue Bird und einen Toyota Land Cruiser.
Einheit4, „die Nachhut“ fährt einen Chevrolet Aksa. Sie würden von hinten auf den Konvoi treffen, falls jemand versuchen würde aus der Angriffszone zu entkommen. Die Insassen des Konvois leisten kaum Widerstand. Einige ihrer Mitglieder überleben den Angriff, weil sie von dem steilen Abhang in einen Fluss weiter unten springen, einige verstecken sich unter den Autos, andere liegen auf der Straße und stellen sich tot.
Pinochets Auto ist von Kugeln durchlöchert und mit drei LOW Raketen beschossen, von denen allerdings nur eine das Ziel trifft: Sie schlägt knapp über der Heckscheibe ein, explodiert jedoch nicht. Die Mitglieder der FPMR nehmen an, sie hätten einen Schaden erlitten, als sie unter den Kämpfern von Hand zu Hand gingen und weil sich nicht der richtige Temperatur und Luftfeuchtigkeit ausgesetzt waren. Laut Ermittler der Behörden der CNI jedoch, weil sie aus einer Distanz weniger als zehn Metern abgefeuert wurden und eine Sicherheitvorrichtung eine Explosion verhindert.
Hauptsächlich wegen des Geschicks des Militärfahrzeugexperten und Fahrer Pinochets Wagen, überlebt der Diktator, weil er blitzschnell Pinochtes kugelsicheren Mercedes rückwärts aus dem Geschehen durch den Rauch heraus manövriert und zurück nach „El Melocotón“ fährt.
In dem Durcheinander und wegen des heftigen Feuers und überzeugt von dem Erfolg der Operation, entkommen die Kämpfer der FPMR in Richtung Santiago. Wegen ihrer hohen Geschwindigkeit, ihrer Verkleidung, den Waffen, der Anzahl der Insassen im Auto und den Blaulichtern die man auf den Dächern der Wagen installiert hat, können sie die Polizeikontrollen, die bereits über den Vorfall informiert sind und ihre sofort errichteten Barrikaden passieren, da die Beamten annehmen es handele sich um CNI-Wagen welche verwundete Agenten transportierten. Die Kämpfer die weiter vorne operiert hatten, lassen ihre Waffen Fahrzeuge am Tatort und entkommen mit dem Bus oder der U-Bahn. Die meisten von ihnen erreichen „sichere Häuser“ in denen sie die nächsten Wochen verbringen werden.
Fünf Mitglieder des Konvois sind tot. Die Kämpfer überleben allesamt, nur einer von ihnen wird verletzt.
Noch in der Nacht des Anschlags erhalten Nachrichteagenturen Anrufe von Befehlshabern des „11 Septembers“, welche die sofortige Vergeltung für die fünf Toten von der Eskorte und die Hinrichtung von fünf Regierungsgegnern fordern. Welche dann auch vollzogen werden.
Kurz nach der Attacke entscheidet die MDP, aufgrund des hohen Drucks, der aus der Suche nach den Verantwortlichen entstanden ist, den Regierungagenturen bei der Identifizierung von hundertden von Anhängern anti-demokratischer Organisationen helfen.
Die nationale Ausgangssperre und der „Zustand der Belagerung“ wird wieder eingeführt. In den folgenden 48 Stunden werden 200 Leute verhaftet, inklusive 50 Spitzenmitgliedern verschiedener politischer, sowie nicht-politischer Vereinigungen.
Einen Monat nach dem Angriff wird ein Fingerabdruck auf einer Coca Cola Flasche, im Haus in „La Obra“ gefunden, er führt zu der Festnahme eines der Beteiligten, vier weitere werden am kommenden Morgen verhaftet. Und als sie alle als Mitglieder der FPMR identifiziert werden, werden sie in Einzelhaft gebracht. Hier verbringen sie vierzig Tage ohne jede Kommunikation. Der Status der „politischen Gefangenen“ soll die lange Ausdehnung der Haft, der willkürlichen Isolation und die stetige Belästigung ihrer Anwälte und Verwandten rechtfertigen. Diese Vorgehensweise wird das Kennzeichen des Richters, welcher mit den Untersuchungen beauftragt ist. Militär Staatsanwalt Hernán Torres Silva.
5. November: Fernando Volio. Experte und Beobachter der UN berichtet:
„In Chile sind mehrere unterirdische Waffenarsenale gefunden worden, die Aufschluss über gefährliche subversive Aktivitäten geben, welches gegen eine Errichtung System demokratischer Repräsentation spricht.“
Neun Monate nach dem Anschlag, werden in Santiago 15 Mitglieder der FPMR von der CNI ermordet: Der Vorfall wird auch als „Corpus Christi Massaker“ bekannt. Drei Überlebende werden gefangen genommen, insgesamt sind nun 7 der Beteiligten der Attacke in Haft.
Ende 1989, nachdem hunderte Verfügungen, Vernehmungen und Verhaftungen vollzogen werden und vierzig Seiten Protokoll vor Gericht geschrieben worden sind, schließt Richter Torres die Verhandlungen für die neun Inhaftierten Menschen mit der Forderung auf Todesstrafe. Ein paar Wochen später, am 29. Januar 1990, fliehen sechs Häftlinge aus der Todeszelle, aus dem Hochsicherheitstrakt in Santiago, durch einen sorgfältig angelegten Tunnel: Er ist 60 Meter lang und kostet die Gefangenen eineinhalb Jahr bis zur Fertigstellung.
„Nur für das Protokoll“
Ein kurzer Auszug aus dem Protokoll über den Mordanschlag an General Augusto Pinochet 1986.
(Kurzfassung aus dem Buch „Operación Siglo XX, von Patricia Verdugo und Carmen Hertz. Chileamerica CESOC, copiright 1992).